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Selbstregulation neu gedacht – wie du dein seelisches Gleichgewicht wiederfindest

1. Wenn das Leben funktioniert – aber innerlich etwas nicht mehr stimmt

Viele Menschen, die zu mir in die Praxis kommen, würden sich selbst nicht als krank bezeichnen. Ihr Alltag läuft: Sie haben Beziehungen, Verpflichtungen, Aufgaben, erfüllen Rollen und meistern äussere Anforderungen oft erstaunlich gut. Und doch begleitet sie ein leises, manchmal auch drängenderes Empfinden, dass innerlich etwas aus der Balance geraten ist.

Manche spüren eine dauerhafte innere Anspannung, die sich nicht mehr richtig lösen will. Andere erleben sich emotional schneller überwältigt als früher: von Stimmungen, Konflikten, Erwartungen, Nachrichten, Eindrücken. Wieder andere merken, dass sie in bestimmten Situationen immer wieder ähnlich reagieren – obwohl sie „es doch besser wissen“ und sich schon intensiv mit sich selbst auseinandergesetzt haben. Es ist, als gäbe es in ihnen alte Muster, die stärker sind als ihre guten Vorsätze.

Besonders häufig begegnen mir in diesem Kontext hochsensible und hochsensitive Menschen, aber nicht nur sie. Auch viele bewusste und achtsame Menschen – solche, die sich ernsthaft mit ihrem Leben und ihrem Inneren beschäftigen – kennen diese Erfahrung. Sie fühlen sich nicht krank, aber auch nicht mehr wirklich in einem stimmigen seelischen Gleichgewicht. Genau hier beginnt das Thema Selbstregulation auf eine neue, tiefere Weise interessant zu werden.

2. Selbstregulation ist kein „Reiss dich zusammen“

Wenn der Begriff Selbstregulation fällt, denken viele zunächst an Selbstkontrolle. Sie stellen sich vor, dass ein gut regulierter Mensch jemand ist, der seine Gefühle im Griff hat, sich rasch beruhigen kann, nicht „übertreibt“, sich zusammenreisst und auch unter Druck noch funktioniert. Gerade empfindsame und verantwortungsbewusste Menschen kennen diese innere Vorstellung nur zu gut.

Doch wenn Selbstregulation mit Härte verwechselt wird, gerät das innere System leicht in eine Art Dauerstress. Gefühle werden dann wie Störungen behandelt, die möglichst rasch verschwinden sollen. Man drückt Ärger hinunter, überspielt Angst, lenkt sich über Müdigkeit hinweg, versucht Traurigkeit zu „überlisten“. Nach aussen kann das sehr diszipliniert wirken, innerlich führt es jedoch zu einem Klima von Misstrauen sich selbst gegenüber. Je mehr man versucht, das eigene Erleben zu kontrollieren, desto weniger fühlt man sich wirklich bei sich.

In der Arbeit mit der Lebensmatrix verstehe ich Selbstregulation deshalb nicht als Kontrollprojekt, sondern als Beziehungsprojekt. Es geht darum, wie du dir innerlich begegnest, wenn es eng, laut, schmerzhaft oder unübersichtlich wird. Gefühle sind in diesem Verständnis keine Fehler, die korrigiert werden müssen, sondern Hinweise auf innere Kräfte, die sich melden. Die entscheidende Frage verschiebt sich damit: weg von „Wie werde ich dieses Gefühl los?“ hin zu „Was zeigt sich hier in mir – und was bräuchte es, damit diese Energie wieder in ein gutes Gleichgewicht kommen kann?“

3. Hochsensibilität und die besondere Herausforderung des Gleichgewichts

Feinfühlige und bewusste Menschen spüren diese Fragen oft besonders stark. Ihre Wahrnehmung ist sensibler, ihre Reaktion auf Reize intensiver, ihre Innenwelt dichter und lebendiger. Sie nehmen Spannungen in Räumen wahr, lange bevor jemand darüber spricht. Sie registrieren Zwischentöne in Gesprächen, sie fühlen Stimmungen, Atmosphären und unausgesprochene Erwartungen häufig sehr deutlich.

Feinfühligkeit und Bewusstheit ist eine grosse Stärke: Sie ermöglicht Tiefe, Empathie, Kreativität, ein tiefes Gespür für Menschliches und Zwischenmenschliches. Gleichzeitig führt sie dazu, dass das innere Gleichgewicht schneller kippen kann. Das Nervensystem ist rascher erschöpft, emotionale Eindrücke hallen länger nach, Erholungsphasen reichen oft nicht aus, um das System wieder wirklich zu entspannen. Das, was für andere noch „normal“ wirkt, kann für Hochsensible bereits innerlich zu viel sein.

Aber auch Menschen, die sich selbst nicht als hochsensibel bezeichnen würden, erleben in unserer Zeit etwas Ähnliches. Die Verdichtung des Alltags, die ständige Erreichbarkeit, die Flut an Informationen, die Komplexität moderner Lebensentwürfe – all das führt dazu, dass sich natürliche Rhythmen von Anspannung und Entlastung auflösen. Früher sorgten körperliche Arbeit, mehr Ruhephasen und weniger Reize oft wie von selbst dafür, dass das innere System wieder in seine Mitte fand. Heute geschieht diese Selbstregulation nicht mehr automatisch. Sie braucht bewusste Aufmerksamkeit und neue Formen von innerer Kompetenz.

4. Gefühle als Signale innerer Kräfte – die Logik der Lebensmatrix

Die Lebensmatrix ist aus dem Bedürfnis entstanden, dieses innere Geschehen verständlicher zu machen. Sie betrachtet den Menschen nicht als eine feste, einheitliche Persönlichkeit, sondern als ein Feld verschiedener archetypischer Kräfte, die in uns wirken. Diese Kräfte zeigen sich in typischen Gefühlen, Tendenzen und Haltungen. Jede von ihnen hat eine konstruktive, „helle“ Seite (7 Archetypen) – und eine destruktive oder übertriebene Seite (Negative Archetypen), wenn sie aus dem Gleichgewicht gerät.

Mit diesen Archetypen hänge auch je bestimmte Gefühle zusammen:

So kann Zorn zur Rachsucht werden und zerstörerisch werden, wenn sie ungebremst und unbewusst ausagiert wird. Dieselbe Energie kann aber auch die Kraft sein, mit der du klare Grenzen setzt und dich gegen Ungerechtigkeit behauptest. Angst kann dich lähmen und in Grübelschleifen schicken – oder sie kann dich vor realen Gefahren schützen und deine Achtsamkeit für das, was dir wichtig ist, schärfen. Genuss kann dich betäuben, wenn er zur Flucht vor dir selbst wird – aber er ist zugleich Ausdruck von Lebensfreude, Sinnlichkeit und der Fähigkeit, das Leben wirklich zu schmecken.

Probleme entstehen selten, weil eine bestimmte Energie überhaupt vorhanden ist. Sie entstehen vielmehr dann, wenn eine Kraft sehr einseitig wirksam wird – ohne dass ihre komplementäre, ausgleichende, polar entgegengesetzte Kraft mit im Spiel ist. Genau hier setzt das Gleichgewichtsmodell der Lebensmatrix an. Es fragt nicht: „Wie werde ich diese Kraft los?“, sondern: „Welche andere Qualität fehlt mir im Moment, damit diese Energie wieder in ein stimmiges Mass findet?“

5. Vom eindimensionalen Selbstbild zur inneren Balance

Viele Menschen beschreiben sich selbst in sehr einfachen Etiketten: „Ich bin zu ängstlich“, „Ich bin zu impulsiv“, „Ich bin zu streng mit mir“, „Ich verliere mich immer in Ablenkungen“. Solche Sätze machen aus einer dynamischen inneren Bewegung einen vermeintlich festen Charakterzug. Man erlebt sich dann in einem Entweder-Oder: entweder stark oder schwach, kontrolliert oder chaotisch, mutig oder ängstlich.

Die Lebensmatrix lädt dazu ein, dieses eindimensionale Selbstbild zu verlassen. Sie betrachtet dein inneres Erleben als Zusammenspiel mehrerer Kräfte, die sich gegenseitig beeinflussen und regulieren können. Hinter dem Satz „Ich bin zu ängstlich“ könnte zum Beispiel ein Ungleichgewicht zwischen Vorsicht und Vertrauen stehen. Hinter „Ich bin zu streng mit mir“ vielleicht eine überbetonte Instanz von Verantwortung und eine zu wenig entwickelte Instanz von Selbstfreundlichkeit und positivem Lusterleben. Hinter „Ich verliere mich in Ablenkungen“ möglicherweise ein innerer Mangel an Genuss, der sich als kompulsive Suche nach Betäubung zeigt, oder eine fehlende Klarheit in der Ausrichtung.

Anstatt sich selbst in eine einzige Schublade zu stecken, beginnst du zu fragen: Welche Kräfte sind in mir besonders laut? Welche sind leise oder fast verstummt? Und wo wäre ein Ausgleich nötig, damit sich mein inneres System wieder runder, stimmiger, bewohnbarer anfühlt? Selbstregulation bedeutet dann, nicht gegen eine Seite zu kämpfen, sondern die bislang vernachlässigte Gegenkraft bewusster einzuladen.

6. Entschlossenheit und Genuss – eine Beispielachse der Lebensmatrix

Um das Prinzip greifbar zu machen, lohnt sich ein beispielhafter Blick auf eine der Achsen der Lebensmatrix: die Balance zwischen Entschlossenheit und Genuss. Diese beiden Kräfte lassen sich symbolisch mit den Farben Blau und Orange beschreiben.

Die blaue Qualität steht für Entschlossenheit, Klarheit und Verantwortung. Sie ermöglicht es dir, Entscheidungen zu treffen, Aufgaben zu übernehmen, durchzuhalten, auch wenn es anstrengend wird. Sie lässt dich Projekte planen und umsetzen, für andere da sein, verlässlich und strukturiert agieren. Viele Menschen, die viel tragen und leisten, haben eine sehr entwickelte blaue Seite.

Die orange Qualität steht für Genuss, Lebenslust und sinnliche Lebendigkeit. Sie erinnert dich daran, dass du nicht nur Funktionsträgerin oder Funktionsträger bist, sondern ein fühlender Mensch. Orange erlaubt dir, Momente zu geniessen, dich zu entspannen, spielerisch zu sein, dich von Musik, Natur, Berührung oder Kunst berühren zu lassen. Sie bringt Wärme, Weichheit, Spontaneität und Freude ins Leben.

In der Biografie vieler verantwortungsbewusster Menschen wurde die blaue Seite – aus unterschiedlichen Gründen – früh und stark aktiviert. Man lernt, sich anzustrengen, zu funktionieren, es allen recht zu machen, gut zu sein, Erwartungen zu erfüllen. Dabei gerät die orange Seite häufig in den Hintergrund. Genuss wird zur Belohnung nach getaner Pflicht, zur Ausnahme, die man sich erst verdienen muss. Entspannung bekommt den Beigeschmack von Faulheit oder Egoismus.

Über Jahre oder Jahrzehnte kann ein solches Übergewicht von Blau stabil wirken. Man ist die verlässliche Person im Beruf, die Kümmernde in der Familie, die, auf die man zählen kann. Innerlich sammelt sich jedoch eine Müdigkeit an, die durch Wochenenden und Ferien allein nicht mehr verschwindet. Menschen in diesem Muster berichten oft von innerer Leere, von dem Gefühl, nur noch zu funktionieren, von einer zunehmenden Härte sich selbst gegenüber und von der Erfahrung, dass echte Freude selten geworden ist.

7. Wenn das Gleichgewicht kippt – und wie sich das anfühlt

Wenn eine Seite über längere Zeit überbetont wird, meldet sich die andere Seite irgendwann – oft unerwartet und nicht immer in ihrer schönsten Form. So kann es geschehen, dass Menschen, die lange stark, kontrolliert und pflichtbewusst waren, plötzlich Phasen erleben, in denen sie sich in Ablenkungen verlieren. Statt genussvoll zu leben, fallen sie erschöpft vor den Bildschirm, essen mehr, als ihnen guttut, trinken häufiger Alkohol, scrollen stundenlang durch Social Media oder flüchten sich in andere Formen von kurzfristiger Belohnung.

Was hier sichtbar wird, ist nicht Charakterschwäche, sondern eine orange Kraft, die keine integrierte Heimat im Leben gefunden hat und sich deshalb über Umwege Ausdruck verschafft. Nach aussen wirkt das wie mangelnde Disziplin, innerlich ist es der Versuch, einen seit langem vernachlässigten Bedarf an Genuss, Entspannung und Leichtigkeit zu stillen. Die blaue Seite kommentiert das oft gnadenlos: mit Schuldgefühlen, Selbstkritik und dem Vorsatz, „sich endlich wieder zusammenzureissen“.

Im zweidimensionalen Blick der Lebensmatrix verändert sich dieses Bild. Es geht nicht mehr darum, Blau noch stärker zu machen und Orange noch strenger zu regulieren. Stattdessen wird deutlich: Beide Qualitäten gehören zu dir. Beide haben ihre Berechtigung und ihre Aufgabe. Das Ungleichgewicht entsteht nicht, weil eine von ihnen „falsch“ ist, sondern weil sie nicht in einer erwachsenen, bewussten Zusammenarbeit stehen. Selbstregulation bedeutet in diesem Kontext, sowohl der Entschlossenheit als auch dem Genuss einen legitimen, gut eingebetteten Platz in deinem Leben zu geben. Das Werte- und Entwicklungsquadrat der jeweiligen Typen zeigt ganz konkret konstruktive Wege der Integration des eigenen Schattens.

8. Selbstregulation als innerer Dialog zwischen Kräften

Wie kann ein solcher Ausgleich konkret aussehen? Zunächst braucht es die Bereitschaft, das eigene innere Erleben ernst zu nehmen, ohne es sofort bewerten zu müssen. Anstatt dich selbst reflexhaft zu verurteilen, wenn du dich erschöpft, reizbar, überfordert oder fluchtbereit erlebst, könntest du dich fragen: Welche Kraft in mir ist gerade sehr aktiv? Bin ich im Moment vor allem in meiner blauen, entschlossenen, funktionierenden Seite unterwegs? Oder dominiert eher eine orange Dynamik von Ausweichen, Aufschieben, Suchen nach kurzfristigem Wohlgefühl?

Im nächsten Schritt lohnt es sich, beide Qualitäten nicht nur gedanklich, sondern körperlich zu erspüren. Wie fühlt es sich an, wenn du dich ganz in deine Entschlossenheit (Direktor:in) hineinversetzt? Vielleicht merkst du eine gewisse Spannung im Körper, eine Geradlinigkeit in deiner Haltung, einen fokussierten Blick, einen Druck auf den Schultern oder im Brustkorb. Und wie fühlt sich Genuss an (Enthusiast:in) , wenn du ihn zulässt? Vielleicht spürst du Wärme, ein tieferes Ausatmen, Weichheit im Bauch, einen Hauch von Freude oder ein leises inneres „Ja“.

Wenn du beide Kräfte auf diese Weise kennengelernt hast, entsteht ein innerer Raum, in dem du eine neue Art von Entscheidung treffen kannst. Du musst dich nicht mehr grundsätzlich für oder gegen eine Seite aussprechen, sondern kannst dich fragen: Was braucht es im Moment ein kleines bisschen mehr? Wenn dein Alltag seit Wochen von Blau geprägt ist – von Pflichten, Verantwortung und hoher Anspannung – könnte Selbstregulation bedeuten, bewusst kleine Inseln von Orange zu schaffen: Momente, in denen du ohne Zweck und Ziel etwas tust, das dir guttut, ohne dich dafür zu rechtfertigen. Wenn du dich hingegen immer wieder in Fluchtbewegungen verlierst, könnte Selbstregulation darin bestehen, dir einen Hauch mehr Blau zu schenken: einen klaren Entscheid, eine überschaubare Struktur, eine liebevolle, aber bestimmte Grenze gegenüber einer Gewohnheit, die dir nicht dient.

Dieser innere Dialog ist das Herzstück reifer Selbstregulation. Du lernst, deine Gefühle und Impulse nicht nur zu erleben, sondern ihnen eine passende, ausgleichende Antwort zu geben. Du bist nicht länger das Opfer deiner inneren Schwankungen, sondern beginnst, zur aktiven Gestalterin, zum aktiven Gestalter deines inneren Gleichgewichts zu werden.

9. Weitere innere Balancepaare – ein kurzer Einblick

Neben der Achse Entschlossenheit–Genuss gibt es in der Lebensmatrix zwei weitere zentrale Balancepaare: Gelb – Violett und Grün – Rot.

Gelb steht für Empathie, Support und Fürsorge – ein eher weiblich-introvertiertes Prinzip. Gelbe Menschen haben andere stark im Blick, spüren Bedürfnisse, halten, tragen, gleichen aus. Die Schattenseite: Sie verlieren sich leicht in der Sorge um andere und übersehen die eigenen Bedürfnisse. Erschöpfung, stille Kränkung oder das Gefühl, „immer für alle da, aber nie wirklich gesehen“ zu sein, sind typische Folgen.

Violett ist das Gegenüber: der Motivator, die Kriegerkraft, die Durchsetzung. Diese Energie kann sich klar für die eigenen Anliegen einsetzen, Grenzen ziehen und „Nein“ sagen. Ohne sie bleiben viele Wünsche und Visionen innerlich stecken. Überbetont kann Violett jedoch hart, dominant oder wenig rücksichtsvoll werden, wenn Durchsetzung ohne Mitgefühl unterwegs ist.

Auf dieser Achse bedeutet Selbstregulation, Mitgefühl (Gelb) und Selbstbehauptung (Violett) in Balance zu bringen: Für gelb geprägte Menschen heisst das, ihre violette Kraft bewusster zuzulassen; für violett geprägte Menschen, ihre Empathie und Verantwortung für andere zu vertiefen.

Die zweite wichtige Achse verbindet Grün und Rot.

Grün steht für Analyse, Reflektion, Introversion und Rückzug. Diese Kraft durchdringt Themen, strukturiert, ordnet, setzt Prioritäten. Im Ungleichgewicht kann sie jedoch in endloses Nachdenken, Planen und Zerdenken kippen – viel wird verstanden, aber wenig umgesetzt.

Rot ist die extravertierte, schöpferische Lebendigkeit: ins Tun kommen, ausprobieren, gestalten. Sie sorgt dafür, dass Ideen in die Welt kommen und nicht im Kopf steckenbleiben. Unreguliert kann Rot in Aktionismus, Überforderung oder „immer mehr, immer schneller“ ausarten.

Selbstregulation heisst hier, Denken (Grün) und Handeln (Rot) so zu verbinden, dass sie einander ergänzen: Grün hilft, rotes Tun zu klären und auszurichten, Rot hilft, grüne Klarheit ins Leben zu bringen. In beiden Achsen gilt: Keine dieser Kräfte ist falsch – problematisch wird es erst, wenn eine Seite ohne ihre komplementäre Schwester unterwegs ist.

10. Stress, heutige Lebensbedingungen und die Notwendigkeit bewusster Selbstregulation

Wenn wir diese inneren Dynamiken mit den äusseren Bedingungen unserer Zeit zusammendenken, wird verständlich, warum so viele Menschen ein diffuses seelisches Ungleichgewicht erleben, ohne sich ausdrücklich als krank zu fühlen. Die Verdichtung von Arbeit, die ständige Verfügbarkeit, digitale Reizüberflutung, gesellschaftliche Spannungen und Unsicherheiten verstärken innere Tendenzen. Wer ohnehin zu Verantwortung neigt, wird leicht in Dauerfunktionieren gedrängt. Wer sensibel reagiert, erlebt häufiger Überreizung. Wer zu Zweifel neigt, findet unendlich viele Gründe, sich weiter zu verunsichern.

Früher wurden viele dieser Schieflagen durch äussere Rhythmen mitreguliert: durch körperliche Ermüdung, durch den natürlichen Wechsel von Jahreszeiten, durch begrenzte Informationskanäle, durch klarere Tages- und Wochenstrukturen. Heute müssen wir einen grossen Teil dieses Ausgleichs innerlich leisten. Selbstregulation wird damit zu einer Schlüsselkompetenz, gerade für hochsensible, bewusste und achtsame Menschen, die ihr Inneres differenziert wahrnehmen und nicht einfach abstumpfen möchten.

Das Gleichgewichtsmodell der Lebensmatrix hilft dabei, diesen inneren Ausgleich nicht dem Zufall zu überlassen. Es bietet dir eine Landkarte, auf der du sehen kannst, welche Kräfte in dir gerade laut sind, welche leise geworden sind und wo du einseitig unterwegs bist. Es macht aus einem diffusen Gefühl von „Es stimmt etwas nicht“ eine differenziertere Frage: „Welche Qualität in mir braucht mehr Raum, damit ich wieder in meine Mitte komme?“

11. Die Lebensmatrix als Landkarte für bewusste, feinfühlige Menschen

Die VisionsSchmiede Bern versteht sich als Kompetenzzentrum für hochsensible, bewusste und achtsame Menschen – und für all jene, die sich ernsthaft mit ihrem inneren Erleben auseinandersetzen möchten. Viele der Menschen, die hierher finden, spüren, dass ihre bisherigen Strategien – mehr leisten, mehr verstehen, sich mehr zusammenreissen – nicht mehr ausreichen. Sie suchen nach einem anderen Weg, mit sich selbst umzugehen: weniger hart, weniger oberflächlich, weniger rein funktional.

Die Lebensmatrix dient in dieser Arbeit als innere Landkarte. Sie zeigt dir, wo deine natürlichen Stärken liegen, wo du zu Einseitigkeiten neigst, welche deiner Kräfte du vielleicht aus guten Gründen zurückgedrängt hast und welche bislang wenig beachtet wurden. Therapie, Coaching, Beratung und Workshops in Kleingruppen bieten einen geschützten Rahmen, in dem du diese inneren Landschaften erkunden kannst – mit der Zeit nicht nur kognitiv verstehend, sondern im Erleben.

Anstatt dich in bekannten Urteilen über dich zu bewegen („zu sensibel“, „zu schwach“, „zu hart“, „zu chaotisch“), beginnt eine andere Sprache lebendig zu werden: eine, die von Kräften, Qualitäten und Gleichgewicht spricht. Das Ziel ist nicht, dich zu reparieren, sondern dir zu helfen, deinen inneren Wegführer – jene weise, wache Instanz in dir – bewusster wahrzunehmen und zu stärken.

12. Eine Frage zum Weitergehen

Vielleicht möchtest du zum Abschluss eine einfache Frage mit in deinen Alltag nehmen. Sie kann ein stiller, aber wirksamer Anfang sein: Wenn du auf dein jetziges inneres Erleben schaust – fühlt es sich eher an wie ein „zu viel von etwas“ oder wie ein „zu wenig von etwas“? Vielleicht entdeckst du: Es ist zu viel Verantwortung und zu wenig echter Genuss. Zu viel Angst und zu wenig Vertrauen. Zu viel Anpassung und zu wenig klare eigene Position. Zu viel Offenheit und zu wenig Schutz. Oder eine ganz andere Kombination, die zu dir passt.

Allein, dies zu benennen, verschiebt bereits etwas: weg von der Frage, was an dir falsch ist, hin zu der Frage, welche Qualität in dir mehr Raum braucht. Das ist ein wichtiger erster Schritt – mehr Verständnis und eine andere innere Haltung.

Gleichzeitig ist Selbstregulation, so wie sie in der Lebensmatrix verstanden wird, ein Prozess. Die Kräfte, von denen hier die Rede ist, erschliessen sich nicht nur über das Lesen, sondern vor allem über Erfahrung: darüber, sie im eigenen Körper zu spüren, ihre Dynamik im Alltag zu erkennen und neue, ausgleichende Antworten zu üben.

Genau dafür sind die Kurse und Coachings mit der Lebensmatrix da: In einem geschützten Rahmen kannst du diese inneren Qualitäten bewusster wahrnehmen, ihre Balance erproben und Schritt für Schritt in dein Leben integrieren. Ein Artikel kann dir die Tür öffnen und Orientierung geben – das wirkliche Gleichgewicht entsteht, wenn du dich auf den Weg machst, diese Kräfte in dir zu erforschen und einzuüben.