Visionen leben als Ausbruch aus der Isolations- und Angstkultur

Ein Gespräch mit Martin Bertsch, Visions Coach

Z.: Martin Bertsch, du propagierst ein visionsbasiertes Leben. Wo liegt das Problem? Weshalb sollten wir unseren Lebensstil ändern?
Martin Bertsch: Wir müssen uns nicht ändern, aber wir dürfen uns ändern.

Z.: Ich verstehe nicht. Wo liegt der Unterschied?
Martin Bertsch: Seine Visionen zu leben ist ein natürlicher Zustand, ein Flow-Zustand. Er führt uns in ein entspanntes, erfülltes Leben jenseits der Ängste.

Z.: Und was heisst in diesem Zusammenhang Flow-Zustand?
Martin Bertsch: Schau dir Kleinkinder an. Als Baby öffne ich die Augen und will sehen, ich öffne den Mund und will schmecken, ich öffne die Hand und will spüren. Es ist eine unbefangene und unbändige Lust, die Welt zu erforschen. Wenn ich als Kleinkind einen Gegenstand meines Interesses erspähe, robbe ich darauf zu. Mein Aufmerksamkeitsfokus schränkt sich auf ein klares Ziel ein. Ich bin in einer visionären Trance möchte man sagen. Maria Montessori hat diesen Zustand als Polarisation der Aufmerksamkeit beschrieben.

Z.: Geht diese Fähigkeit später verloren?
Martin Bertsch: Schmerzliche Erfahrungen und menschliche Konventionen fördern unser Alltagsbewusstsein, das sich darauf spezialisiert, Gefahren zu orten und auszuschalten. Unsere Fähigkeit, uns auf Dinge zu konzentrieren, scheint im Verlaufe der Entwicklung bei vielen abzunehmen.

Z.: Kann man das vergleichen mit einem Fotoapparat: Man tauscht das Teleobjektiv mit dem Makroobjektiv aus. Man verliert den Fernblick?
Martin Bertsch: Ganz genau! Und mir scheint manchmal, wenn ich ältere Menschen beobachte, die sich ängstlich vorwärts tasten, dass sich das ganze Leben hindurch die Blicktiefe ständig verringert hat. Aus der reichen Lebenserfahrung bleibt vor allem das scharfsinnige Erkennen von Gefahrenpotentialen. Die ursprüngliche Lebens- und Schaffenskraft ist einer Ängstlichkeit gewichen, die alles beherrscht. Der Lebenssinn beschränkt sich damit auf das Vermeiden von Schmerz. Damit wird der Selbsterhaltungstrieb zum Selbstzweck und die Sinndimension des Lebens als schöpferisch kreativer Akt ist verloren gegangen. Ich werde zum geschlossenen System, will gar nichts mehr wissen, denn wie alles andere auch birgt Neugier eine Gefahr. Es ist ein Angstgewebe, das die Menschen letztlich erstickt.

Z.: Das klingt dramatisch.
Martin Bertsch: Das eigentlich dramatische dabei ist, dass sich aus dieser Lebenshaltung eine krankhafte Normalität entwickelt hat, eine chronische Sinnkrise.
Die chronische Sinnkrise bewirkt ein Suchen in der Breite, aber nicht in der Tiefe, wo Sinn entsteht. Wir können uns das so vorstellen wie St. Exupérys Weichensteller im „Kleiner Prinz“:

Der Weichensteller sagt zum kleinen Prinz: „Ich sortiere die Reisenden nach Tausenderpaketen. Ich schicke die Züge, die sie 
fortbringen bald nach rechts, bald nach links.“
Und ein lichterfunkelnder Schnellzug, grollend wie der 
Donner, machte das Weichenstellerhäuschen 
erzittern. „Sie haben es sehr eilig“, sagte der kleine Prinz, 
“Wohin wollen sie?“  „Der Mann von der Lokomotive weiß es selbst nicht“, sagte der Weichensteller.
 „Das wechselt.“ „Waren sie nicht zufrieden dort, wo sie waren?“
 „Man ist nicht zufrieden dort, wo man ist“, sagte der 
Weichensteller. 
Und es rollte der Donner eines dritten funkelnden 
Schnellzuges vorbei.
 „Verfolgen diese die ersten Reisenden?“, fragte der kleine Prinz.  „Sie verfolgen gar nichts“, sagte der Weichensteller. „Sie schlafen da drinnen oder sie gähnen auch. Nur die 
Kinder drücken ihre Nasen gegen die Fensterscheiben.“ 
“Nur die Kinder wissen, wohin sie wollen“, sagte der kleine Prinz.

Z.: Viele Tätigkeiten wie Computer Games, Zeitung lesen und Sport als Zeitvertreib erscheinen so in einem neuen Licht.
Martin Bertsch: Einem kleinen Prinzen, der sich die spielerische Neugierde und eine enorme Vorstellungskraft bewahrt hat, muss so manches bei uns unbegreiflich vorkommen.

Z.: Es fehlt an Richtung und Sinn, ich verstehe. Eine harsche Kritik an der Gesellschaft.
Martin Bertsch: Es ist dieser frühlingshafte Trieb, die visionäre Kraft, die uns innerlich bewegt und uns eine Richtung gibt. Letztlich auch eine Kraft, die getragen ist von Hoffnung, Vertrauen und Liebe. Diese Kraft wird in der Welt eine mächtige, gewaltige Veränderung hervorrufen.

Z.: Das klingt so, wie wenn es eine ausgemachte Sache wäre. Im Moment deutet aber doch wohl wenig auf diese Veränderung hin.
Martin Bertsch: Das stimmt, wir werden aber mittelfristig keine Wahl haben. Wir selbst haben uns an das unlebendige Leben gewöhnt, unsere ganze Zivilisation stützt diese Lebensform. Nur führt dieses Leben unweigerlich in den Kollaps und Tod. Ökologisch, wirtschaftlich, menschlich...

Z.: Was ist zu tun?
Martin Bertsch: Es ist interessanterweise nicht so, dass die Menschen für sich keine Visionen hätten, sie getrauen sich einfach nicht, sie zu leben. Wir klammern uns an scheinbaren Sicherheiten fest und sind nicht mehr gewillt, Risiken einzugehen. Nicht zuletzt, weil wir auch einen Sinn für die wirklichen Sicherheiten verloren haben.

Z.: Die da wären?
Martin Bertsch: Das soziale Netzwerk, das Vertrauen, der Zusammenhalt von Menschen, genährt durch die Kraft der Wertschätzung und Liebe, das ist die Grundlage einer neuen Wir-Kultur und Generation der wirklichen Stärke. Geld ist in der modernen Welt zum Platzhalter von Vertrauen in sozialen Netzwerken geworden, weil in der Angstkultur eine Art virtuelles Netzwerk durch die Käuflichkeit von Arbeitskraft durch Geld sichergestellt wurde. Geld an sich hat aber überhaupt keine Macht!

Z.: Das heisst, dass meine Freunde mich unterstützen, meine Visionen zu leben, mir für diesen Schritt die notwendige Sicherheit geben.
Martin Bertsch: Das funktioniert, weil die Vision aus einer inneren Schöpferkraft heraus von der Grundgebärde her etwas Gebendes ist, weil eine Vision mit Tiefgang letztlich immer einen sozialen Nutzen erzeugt. Ich spreche hier nicht von Zweckwerten wie Geld oder eine schöne Frau, sondern ich spreche von Endwerten, darum, worum es im tiefsten Sinne wirklich geht. Die Vision entfaltet sich immer erst in der Tiefe, hinter unseren vordergründigen Bedürfnissen: Was würdest du machen, wenn du viel Geld hättest? Was würdest du mit dem Haus tun, das du dir damit gekauft hast? Wir können weiterfragen, bis eine visionäre Tiefe entsteht. Sie ist da, wo ein sozialer Nutzen und Sinnhaftigkeit entsteht. Das ist Vision. Bis dahin darf ich vorstossen, wenn ich Sinn und Erfüllung suche. Und noch etwas: Ich darf mir bewusst machen, was in diesem Projekt meine Reichweite ist, wo ich meine Talente einbringen kann und will. Diesen Aspekt nenne ich die Mission. Die Vision ist ein Wurf in die Zukunft, die sich mir bildhaft erschliesst. Die Mission ist meine persönliche Ressourcenebene, was ich mitbringe, meine Talente, die gelebt werden wollen, die Kraft, mit der ich der Gesellschaft am meisten geben kann. Das ist der innere Ruf, die Berufung. Wenn diese beiden Kräfte, die Vision und die Mission zusammenkommen, dann entsteht Fluss, lebendiger, schöpferischer Fluss.

Z.: Wie finde ich meine Vision und Mission?
Martin Bertsch: Zunächst ist da eine Innenschau, ein Blick in die Tiefe meiner Seele. Oft spüren wir sehr schnell, in welche Richtung die Reise gehen kann, oft ist diese Ursprungsvision aber auch noch unscharf. Die Klärung geschieht dann am einfachsten durch das Erlebnis in der Praxis, in die ich mich hineinbegebe. Und sie geschieht auch im Dialog mit anderen Menschen. Meine Vision und Mission wird  durch meine Weggefährten geschärft und entwickelt. Sie haben zu mir und meinen Projekten eine nüchterne Distanz, aus der heraus sich Klarsicht entwickeln kann. Schöpferische Kreativität entfaltet sich in dialektischen Spannungsfeldern von innen und aussen, vom ich und du, von Erkenntnis und Erleben, diese Spannungsfelder sind der fruchtbarste Boden. So erfasst uns ein Sog, der uns aus der Angst befreit.

Z.: Nelson Mandela meinte einst: ‚Unsere grösste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind. Unsere grösste Angst ist, dass wir unermesslich stark sind. Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.’ Was führt uns auf diesem Weg ins Licht?
Martin Bertsch: Es sind unsere Freunde. In unserer überindividualisierten Informationsgesellschaft schwächelt oft gerade das Glied der Netzwerke. Notweniges Wissen für das Realisieren von Projekten kann ich heute überall und jederzeit generieren. Was oft fehlt ist die Unterstützung in der Umsetzung. Kein Erfolg ist aber möglich ohne Netzwerk, das zeigt sich quer durch alle Bereiche, sei es im Sport, der Wissenschaft oder der Politik. Ich mache oft in Projektgruppen die Erfahrung, dass unsere Weggefährten uns selber oft liebevoller einschätzen als wir selber das tun. In kreativen Prozessen ist es zudem das effizienteste Mittel, ein möglichst heterogenes Netzwerk von gleichgesinnten Visionären zu haben. Gerade Fremde, die aber eine gleiche Grundhaltung teilen, sind in ihrer Unbefangenheit oft die besten Ratgeber. Ein solches Netzwerk will das Visions Forum Schweiz bilden mit lokalen Erfolgsteams, regionalen Treffen, landesweiten Tagungen und einer virtuellen Internetplattform, einzigartich.net (ab 5.11.2011).

Z.: Lieber Martin Bertsch, ganz herzlichen Dank für das spannende Interview.

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