August-Gespräch 2011: Luftschlösser machen krank

Über Grenzen in der Visionsarbeit und ihre wahre Bedeutung


M.: In einem Interview mit dem Wirtschaftsjournalist Mathias Morgenthaler hast Du, Martin Bertsch, die mutige These aufgestellt: "Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Was ist da wirklich dabei?
Martin Bertsch: Das ist ein Fakt. Man weiss zum Beispiel aus der Resilienzforschung und der Salutogenese-Forschung, dass Ziele im Leben ein Gesundheitsfaktor sind.

M.: Helmut Schmidt, der ja den Ausspruch prägte: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ ist heute 93 Jahre alt. Offenbar hat auch er als Anti-Visionär nicht alles falsch gemacht.
Martin Bertsch: Ein Staatsmann muss Ziele haben, die Frage ist bloss, wie authentisch diese sind. Ich gehe auch eher davon aus, dass Helmut Schmidt mit Visionen Luftschlösser meinte, und die machen krank.

M.: Wie bitte, Luftschlösser machen krank?
Martin Bertsch: Sie zerreissen uns, sie nähren eine Erwartungshaltung in einem Spannungsfeld von Ist und Soll. Das kann uns zerreissen, man kommt nicht mehr zur Ruhe. Man verliert sich.

M.: Buddha meinte einst: „Wenn das Begehren endet, kehrt Frieden ein“. Ist Visionsarbeit ein Unfriedensstifter?
Martin Bertsch: Eckhart Tolle bringt dieses Problem schön auf den Punkt. Das Hinwegstreben mit unserem Bewusstsein zu etwas, was mehr Erfüllung verheisst, als die Gegenwart, ist ein zentrales Thema von ihm.


M.: "Leben ist das, was passiert, während du damit beschäftigt bis, andere Pläne zu schmieden" (John Lennon)... Das klingt etwas wie der Todesstoss für jegliche Visionsarbeit.
Martin Bertsch: Nein! Es stellt sich aber die Frage der Authentizität, der Tiefe der Visionen. Eine Vision müsste man sich eher vorstellen als Tiefendimension denn als Sollzustand auf der Zeitachse. Die Vision holt unser eigentliches Wesen aus der Tiefe an die Oberfläche. So wie wir vom Leben und uns selber im tiefsten Sinne gemeint sind. Das ist unser Wesen, und wenn wir es nicht leben, werden wir krank. Die Vision ist auf der Ebene des Seins. Es ist paradox, aber letztlich geht es darum, ob wir eine Vision haben oder eine Vision "sind". Die Frage ist weiter, ob unser Wirken auf der Zeitachse, unsere Projektplanung, in Übereinstimmung ist mit diesem Sein.

M.: „Jeder ist zu einer ganz bestimmten Arbeit berufen, und die Sehnsucht nach dieser Arbeit wurde uns ins Herz gelegt,“ meinte einst Jalaluddin Rumi.
Martin Bertsch: Es geht um mehr als um Arbeit, es geht um unser ganzes Sein.

M.: Aber bedeutet Sein nicht auch Werden, und gehören zum Werden nicht auch Ziele und Sollzustände.
Martin Bertsch: Das Leben ist ein kontinuierlicher Schöpfungsprozess, dazu gehört das Werden. Wir sind gefordert, zwischen Bewegung und Ruhe ein Gleichgewicht zu finden. Ich bin selber an diesem Punkt immer wieder gefordert...

M: ... um nicht einseitig zu werden?
Martin Bertsch: Ja. Viele sind Gefangene ihrer Muster. Sie gestalten ihr Leben aus Konventionen und Gewohnheiten heraus. Andere, der kleinere Teil, ist auf der Flucht. Es geht darum, die richtigen Dinge zu tun. Und es geht darum, so viel davon zu tun, dass wir in einem Gleichgewicht sind. Wie der Visionär Franz von Assisi in Zeffirellis Film und Donovans Song: "Do few things but do them well."

M.: Wie finden wir dieses Gleichgewicht?
Martin Bertsch: Das ist eine Frage eines nachhaltigen Projektmanagements. Peter Drucker, österreichisch-amerikanischer Ökonom und Pionier der Managementlehre unterschiedet in seiner Sprache Begrifflichkeiten scharf: "Effizienz heisst, die Dinge richtig tun; Effektivität heisst, die richtigen Dinge tun", einen Fokus zu haben. Und das ist eine Gratwanderung. Dann geht es in einem Projektmanagement auch darum, die grossen Ziele in kleinen Schritten zu erreichen, die Endziele und Visionen auf sinnvolle grossräumigere Rahmen- und kurzfristige Handlungsziele herunter zu transformieren. Viele Menschen haben Visionen, wissen, wo sie hingehören, wenige trauen sich aber zu, diesen Weg zu gehen. Die Probleme in der Visionsarbeit liegen oft eher darin, ein adäquates Projektmanagement umzusetzen als darin, seine Vision zu finden.

M.: Wo liegt das Korrektiv?
Martin Bertsch: Unser Wohlbefinden ist ein Indikator. Das bedeutet auch einen Weg der Achtsamkeit zu gehen. Oft sind wir selber überfordert mit dieser Aufgabe. Teammitglieder in Projektteams, die die die notwendige Distanz zu uns haben, aber dennoch wohlwollend uns gegenüber gesinnt sind, sind da oft am besten geeignet, den eigenen Fokus zu finden.

M.: Du arbeitest ja mit Erfolgsteams als Projektmanagement-Teams. Kann ein Erfolgsteam auch sozusagen eine Nachhaltigkeits-Funktion übernehmen?
Martin Bertsch: Es ist eine wichtige Herausforderung, sich selber nicht zu über- oder zu unterfordern. Wir haben selber oft einen Scheuklappen-Blick. Viele versteifen sich entweder auf ihre Ziele oder auf die aktuelle Situation als Ergebnis der Vergangenheit. Deshalb ist die Gruppen-Arbeit so effektiv und so effizient. Das möchte ich auch an der Visions Tagung und in meiner Visions- und Projektwerkstatt leben. Da geht es darum, dass KursteilnehmerInnen in einem selbstorganisierten Prozess sich auf den Weg machen, angeregt durch eine einzigartige Projekt-Werkstatt mit Übungen, einem inspirierenden Umfeld und gleichgesinnten Menschen.

M.: Vielen Dank für das Gespräch!

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