Gemeinsam einen Weg ins Berufsleben finden
Die Fragestellungen und Herausforderungen rund um eine wirkungsvolle Integration von SozialhilfebezügerInnen sind komplex. Staatliche Massnahmen oder Therapien stossen oft an Grenzen. Einen Rettungsring kann da das sogenannte Sozialcoaching bieten. Es zeichnet sich aus durch eine intensive lösungsorientierte Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe von Coach und Betreuten.
Eine Fallbeschreibung führt anschaulich vor Augen, wie herkömmliche Methoden bei der Wiedereingliederung von SozialhilfeempfängerInnen in den Arbeitsmarkt versagen können: Karl (Name geändert) wächst in der Provinz auf. 1988, nach einer Primarlehrerausbildung, beginnt er ein Studium der Psychologie. 1995, mit dem Lehrerdiplom und dem Psychologielizenziat in der Hand, lernt er die Tücken der freien Marktwirtschaft kennen. Auf dem Stellenmarkt kann er sich in einer angespannten Konkurrenzsituation nicht durchsetzen, reihtPraktikum an Praktikum und tritt an Ort. 2001 findet er endlich eine Stelle als Berater auf einer Beratungsstelle für Unfallopfer. Die Freude währt kurz: Nach knapp zwei Jahren verliert er die Stelle. Karl: «Das war der Beginn eines langen Irrweges.» So entpuppt sich 2003 ein weiterer Traum als Illusion: Seine Ehe geht in Brüche. Schuld und Schamgefühle lassen nicht lange auf sich warten. Karl fühlt sich nur noch als Versager. Es folgt eine kurze Phase der Sucht nach Berührung und Sex. Karl hat keine Kraft, Arbeit zu suchen, und wird bald ausgesteuert. Die Spirale dreht sich weiter abwärts. 2006 landet er am Tiefpunkt seines Lebens, auf dem Sozialamt. Ziele für sein Leben hat er keine mehr. Den Glauben an eine Arbeitsstelle hat er ebenso verloren wie jegliche Selbstachtung.
Bürokratisierung der Beratungen aus Spargründen
Was ist das klassische Angebot in dieser Situation? SozialarbeiterInnen auf den Fürsorgeämtern einerseits und PersonalberaterInnen auf den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren andererseits sind mit der Integration betraut. Die Angestellten beider Institutionen sind aus der Sicht der KundInnen HoffnungsträgerInnen. Doch diese Hoffnungen können oft bei Weitem nicht erfüllt werden. Dies liegt meist weniger an den persönlichen oder fachlichen Kompetenzen der Beratenden als vielmehr an schwierigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Der Ruf nach Sparmassnahmen im Sozialbereich ist laut. Dies führt tendenziell zu einer Bürokratisierung der Beratungen. Die Dossierzahl der Betreuten ist nicht selten so hoch, dass eine individualisierte Betreuung mit einer persönlichen Beratung nicht mehr gewährleistet werden kann. Vielerorts beschränkt man sich auf Kontrollpflichten, oder man vermittelt vermeintliche Hilfe. Doch wer bietet Hilfe? Ein Psychiater? Oder ein Beschäftigungsprogramm? Hören wir, wie es Karl ergangen ist. Er schreibt: «Integrationsmassnahmen der zuständigen Gemeinde im Winter 2007 bringen keinen Erfolg. Meine Kollegen aus Berufen wie Kellner, Lagerist oder Pflegehelferin finden alle Anschluss, während ich als Akademiker übrigbleibe. Im Sommer 2008, nach vierjähriger Krise, rät mir ein Pfarrer zu einer Auszeit in den Schweizer Bergen. Er legt mir nahe, mich noch einmal von Grund auf meiner Problematik zu stellen und Abstand zu nehmen von der Stadt. So komme ich in eine therapeutische Wohngemeinschaft in Graubünden. Dort arbeite ich im Aussenbereich und habe regelmässig therapeutische Gespräche. Ich erwarte mir eine Lösung meiner Probleme und eine neue Sicht auf mein Leben.» Diese Erwartungen werden aber nur zum Teil erfüllt. Es kommt zu Machtkämpfen mit der Leitung des Hauses. Denn Karl möchte zurück in die Normalität. Die Heimleitung sieht den Zeitpunkt dafür aber als verfrüht an.
Oft Zuweisungen ohne Einbezug des Klienten
Diese Zuweisungsmechanismen sind typisch. Integrations- oder Therapiemassnahmen sind oft trügerische Hoffnungsschimmer. Warum trügerisch? In Therapiesitzungen wird zu oft über ein Leben nachgedacht, das manchmal gar nicht mehr existiert. Eine Therapie birgt die Gefahr, dass man sich in einen Elfenbeinturm zurückzieht. Und nicht selten kommt es aus unserer Sicht auch zu Fehlüberweisungen. Eine psychische Dekompensation bei sozialen Problemen wie einem Arbeitsverlust ist nicht selten. Vielen Menschen mit psychiatrischen Diagnosen scheint aber mehr eine sinnstiftende Aufgabe mit einer realen Perspektive zu fehlen als Psychopharmaka. Auch Integrationsmassnahmen bieten oft weniger, als sie versprechen. Eine aktuelle Seco-Studie kommt zum Schluss, dass Beschäftigungsprogramme nicht nur keinen positiven Integrationseffekt zeigen, sondern sogar integrationshinderlich sind! So heisst es in Seite 12 ff.: «Keine Massnahme zu verfügen, ist in vielen Fällen die deutlich wirkungsvollste Massnahme.» Beiden Massnahmen, der Therapie wie dem Beschäftigungsprogramm, fehlen zudem wirkungsvolle Anreizsysteme für eine gelingende Integration. Quo vadis?
Auf individuelle Wünsche und Ziele eingehen
Urs Gröbli, der Leiter des Sozialamtes Illnau- Effretikon, fordert in besagtem Artikel: «Wir müssen auf individuelle Bedürfnisse, Wünsche und Ziele eingehen. Nur so kann ein gemeinsamer Weg gefunden werden.» In der Psychotherapieforschung ist der Schlüssel zum Erfolg von Beratungen längst gefunden: Nötig ist eine vertrauensvolle Beziehung. Doch wie kann dies erreicht werden, zumal Sozialarbeitenden unter dem heutigen Rationalisierungsprozess schlicht die Zeit fehlt? Hier wäre weniger oft mehr. Doch diese Position ist im Stimmengewirr um Scheininvalide und Sozialhilfebetrug kaum noch zu hören. Es fehlt hier eine starke Mitte, die nicht nur Massnahmen verfügt, sondern mit den Betroffenen zusammen reale und adäquate Perspektiven entwirft und sie aktiv begleitet. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Sozial- oder Integrationscoaching. Coaching ist keine Psychotherapie; es behält den Fokus einer Marktorientierung. Im Sinne einer lösungsorientierten systemischen Beratung bezieht Coaching die Beratenen, die Coachees, in die Lösungsfindung als ExpertInnen ihrer selbst aktiv mit ein. Die gesunden individuellen Bedürfnisse sind Ausgangspunkt einer Spurensuche. Coaching fokussiert konsequenter und pragmatischer auf konkrete Veränderungen als eine Psychotherapie und fokussiert gleichzeitig stärker auf den Menschen als Dreh- und Angelpunkt von Veränderungen, als es etwa eine blosse Stellenvermittlung tut.
Nach zehn Stunden Sozialcoaching Stelle gefunden
Nach einem weiteren missglückten Versuch in einem Beschäftigungsprogramm verliert Karl das Vertrauen in Ämter und interne Berater von Gemeinden vollends. Er entschliesst sich für ein privates Jobcoaching mit Standort- und Strategiebestimmung sowie begleiteter Umsetzung. Zunächst geht es darum, Karl in seinem gesunden Bedürfnis nach Arbeit und Normalität zu unterstützen. Es werden sorgfältig Wünsche und Ressourcen abgeklärt, und im Abgleich mit dem Markt wird eine realitätsnahe Perspektive erarbeitet. «Das Vertrauen zum Coach war dabei zentral
ür mich», sagt Karl. «Ich übernahm selbstverantwortlich mit einer Vereinbarung über eine Erfolgsprämie bei erfolgreicher Eingliederung die Kosten der Beratung.» Nach einem Aufwand von rund zehn Stunden Sozialcoaching und einem halben Jahr Begleitung steht Karl heute hoffnungsvoll da. Nach einem absolvierten Praktikum hat er nun eine Festanstellung als Sozialpädagoge! Zufall? Nicht ganz: Mit einem Vertrauensverhältnis von Coach und Coachee auf gleicher Augenhöhe konnte eine wichtige Basis zum Erfolg gelegt werden. Ein Quäntchen Glück war auch dabei. Aber das Entscheidende ist, dass Karl sein Leben selbst in die Hand genommen und einen Begleiter gefunden hat, der mit ihm gemeinsam eine Lösung
erarbeitet hat, an die beide glaubten. Eine Lösung, die dann zielgerichtet, Schritt für Schritt, pragmatisch umgesetzt wurde. Wir sind überzeugt, dass es für systemexterne, von Kontrollpflichten freie Coaches einfacher ist als etwa für Sozialarbeitende auf Fürsorgeämtern, eine tragfähige Beziehung zu gestalten und Coachees zielorientiert zu begleiten. In vielen Gemeinden besteht jedoch noch recht grosse Zurückhaltung bezüglich der Finanzierung externer Coaches. Da die Komplexität der Eingliederungsfragen steigt und öffentliche Dienstleistungen tendenziell abgebaut werden, wird man in naher Zukunft aber kaum um die Frage des Einbezugs solcher Dienstleistungen herumkommen. Analog dem IV-Motto «Eingliederung vor Rente» kommen die Gemeinden nicht um eine aktive Lösungsfindung im Sinne von «Eingliederung vor Sozialhilfe» herum.